Cloud für den Mittelstand — Kein Hexenwerk
“Cloud? Das ist doch nur was für die Großen.”
Diesen Satz höre ich mindestens einmal pro Woche. Von Geschäftsführern, IT-Leitern, manchmal sogar von Entwicklern. Und ich verstehe, woher er kommt.
Wenn Du “Cloud” googlest, bekommst Du AWS-Landingpages mit Enterprise-Pricing, Kubernetes-Architekturdiagramme, die aussehen wie der Schaltplan eines Atomkraftwerks, und Case Studies von Netflix und Spotify. Klar denkst Du da: Das ist nichts für uns.
Aber das ist falsch. Und zwar grundlegend.
Was Cloud wirklich bedeutet
Vergiss erstmal alles, was Du auf Konferenzen gehört hast. Cloud bedeutet im Kern nur eines: Jemand anderes betreibt die Hardware, und Du zahlst für das, was Du nutzt.
Das war’s. Kein Hexenwerk. Kein Paradigmenwechsel. Kein Grund für ein 18-Monats-Projekt mit externen Beratern.
Du hast heute einen Server im Keller oder im Rechenzentrum? Der kostet Dich Geld — ob Du ihn nutzt oder nicht. Er braucht Updates, Backups, jemanden der nachts aufsteht wenn er ausfällt. Und wenn Du mehr Leistung brauchst, kaufst Du neuen. Lieferzeit: Wochen.
In der Cloud buchst Du einen Server in 30 Sekunden. Brauchst Du mehr, klickst Du auf “größer”. Brauchst Du ihn nicht mehr, löschst Du ihn. Fertig.
Warum der Mittelstand zögert
Ich arbeite seit Jahren mit mittelständischen Unternehmen zusammen. Die Bedenken sind immer dieselben:
“Das ist doch unsicher”
Nein. AWS, Azure und Google investieren Milliarden in Sicherheit. Mehr als Du jemals ausgeben könntest. Dein Server im Keller, der seit 2019 kein Update mehr bekommen hat? Der ist unsicher. Die Cloud ist es nicht — vorausgesetzt, Du konfigurierst sie richtig.
Und ja, “richtig konfigurieren” ist der Knackpunkt. Aber das ist bei On-Premise genauso.
”Wir verlieren die Kontrolle”
Du verlierst die Kontrolle über Hardware, die Du sowieso nicht anfassen willst. Dafür gewinnst Du Kontrolle über das, was zählt: Wie schnell Du deployen kannst, wie schnell Du skalieren kannst, wie schnell Du auf neue Anforderungen reagieren kannst.
”Das wird teuer”
Es kann teuer werden — wenn Du es falsch machst. Genau wie On-Premise teuer ist, wenn Du es falsch machst. Der Unterschied: In der Cloud siehst Du jeden Cent auf der Rechnung. Bei Deinem eigenen Rechenzentrum verstecken sich die Kosten in Strom, Kühlung, Personal, Hardware-Abschreibung und dem Admin, der Freitagabend reinkommt, weil die RAID-Karte streikt.
Richtig gemacht ist Cloud für die meisten Mittelständler günstiger. Nicht weil die Preise niedrig sind, sondern weil Du nur zahlst, was Du brauchst.
”Unsere Software läuft da nicht”
Wenn Deine Software auf einem Linux- oder Windows-Server läuft, läuft sie auch in der Cloud. Punkt. Die Cloud ist kein anderes Universum — es sind ganz normale Server, nur eben in jemand anderems Rechenzentrum.
Der pragmatische Einstieg
Hier ist der wichtigste Satz in diesem ganzen Artikel: Du musst nicht alles auf einmal migrieren.
Die größte Falle bei Cloud-Projekten im Mittelstand ist der Big-Bang-Ansatz. Irgendjemand malt eine Ziel-Architektur, die alles in der Cloud hat, und dann wird ein 2-Jahres-Projekt aufgesetzt. Das ist der sicherste Weg, Geld zu verbrennen.
Stattdessen: Fang mit einem konkreten Problem an.
Schritt 1: Identifiziere den Pain Point
Was nervt Dich am meisten? Ein paar typische Kandidaten:
- Backups: Immer noch manuelle Sicherung auf externe Festplatten? → Cloud Storage (S3, Azure Blob) kostet Cent-Beträge pro GB und ist automatisiert.
- E-Mail: Eigener Mailserver? → Raus damit. Microsoft 365 oder Google Workspace. Ernsthaft, niemand sollte 2026 noch einen eigenen Mailserver betreiben.
- Deployment: Manuelles Kopieren von Dateien auf den Server? → Eine einfache CI/CD-Pipeline spart Dir Stunden pro Woche.
- Skalierung: Black Friday bringt Deinen Shop in die Knie? → Autoscaling in der Cloud löst das in Minuten statt Wochen.
Schritt 2: Wähle den einfachsten Cloud-Dienst
Du brauchst nicht sofort Kubernetes, Terraform und eine Multi-Cloud-Strategie. Für den Anfang reicht:
- Ein managed Database Service statt Deiner selbst betriebenen PostgreSQL-Instanz. RDS bei AWS, Cloud SQL bei Google — Backups, Updates und Failover inklusive.
- Ein einfacher App-Hosting-Dienst wie AWS App Runner, Google Cloud Run oder Azure Container Apps. Container hochladen, läuft. Kein Cluster-Management nötig.
- Cloud Storage für Dateien, Backups, Logs. Quasi unendlich, quasi unzerstörbar, quasi geschenkt.
# So einfach kann ein Deployment sein:
# 1. Dockerfile schreiben (10 Zeilen)
# 2. Image bauen
docker build -t meine-app .
# 3. In die Cloud Registry pushen
docker push ecr.aws/meine-firma/meine-app:latest
# 4. Service updated sich automatisch
# Fertig. Kein SSH, kein FTP, kein "kurz auf den Server gehen"
Schritt 3: Lerne und iteriere
Nach dem ersten Service in der Cloud wirst Du merken: So schlimm ist es gar nicht. Du lernst die Basics, Dein Team baut Kompetenz auf, und der nächste Service wird einfacher.
Das ist der Weg. Nicht der Masterplan auf 200 Slides, sondern ein Service nach dem anderen, ein Problem nach dem anderen.
Was Du wirklich brauchst
Lass mich ehrlich sein: Du brauchst keinen Cloud-Architekten für 1.800€ am Tag. Du brauchst:
- Jemanden, der’s schon mal gemacht hat. Nicht jemanden, der Dir ein Konzept schreibt, sondern jemanden, der mit Dir zusammen den ersten Service migriert. Hands-on.
- Ein Team, das mitzieht. Cloud ist kein Infrastruktur-Thema, es ist ein Team-Thema. Deine Entwickler müssen verstehen, wie Deployments funktionieren. Deine Admins müssen lernen, Infrastructure as Code zu denken.
- Geduld. Der erste Service dauert länger als erwartet. Der zweite halb so lang. Der dritte ist Routine.
Typische Fehler, die Du vermeiden solltest
- Alles auf einmal migrieren. Hab ich schon gesagt, sage ich nochmal. Nicht machen.
- Den günstigsten Anbieter nehmen. Hetzner Cloud ist großartig für viele Dinge. Aber wenn Du managed Services brauchst, die Dir Arbeit abnehmen, sind AWS/Azure/Google oft die bessere Wahl — auch wenn der Sticker-Preis höher ist.
- Sicherheit ignorieren. “Wir machen das später” ist der Satz, der zu Datenlecks führt. IAM, Verschlüsselung und Netzwerk-Isolation sind vom ersten Tag an Pflicht.
- Keinen Kostenlimit setzen. In der Cloud kannst Du theoretisch unendlich viel Geld ausgeben. Setz Dir ein Budget-Alert bei 80% Deines Limits. Am ersten Tag.
Der erste Schritt
Wenn Du bis hier gelesen hast, bist Du bereit. Nicht für eine Cloud-Transformation, nicht für eine Digitalisierungsstrategie — für den ersten Schritt.
Nimm Dir eine Stunde. Schau Dir an, welcher Deiner Services am meisten Schmerzen verursacht. Und dann frag Dich: Könnte das in der Cloud einfacher laufen?
Die Antwort ist fast immer: Ja.
Und wenn Du nicht sicher bist, wo Du anfangen sollst — dafür gibt es Leute wie uns. Kein Foliensatz, kein Konzeptpapier. Wir schauen uns an, was Du hast, und zeigen Dir den kürzesten Weg zum ersten Erfolg.
Cloud ist kein Hexenwerk. Es ist Handwerk. Und Handwerk kann man lernen.